Sunday, March 01, 2009 | Unihockey in physikalischen Termen…
Vielfach werde ich bezüglich meinen Hinterfragungen aller möglichen Situationen und Vorgänge schräg angeschaut und gefragt, wie man überhaupt auf solche Gedanken kommen kann. Ich frag mich selber auch manchmal, was ich nun wieder studiert habe…
(dw) Aber, habt ihr euch auch schon mal gefragt, wieso und wie schnell ein Ball fliegt? Weshalb alle mit sogenannten „Precision-Bällen“ spielen wollen? Mit welcher Technik man den schärfsten und präzisesten Schuss hinkriegt? Wieso man auf Parkett präziser und mit einer feineren Klinge spielen muss? Usw. usf.
Bei erfahrenen Spielern basieren praktisch alle Bewegungsabläufe auf Automatismen und Intuition, aber niemand kennt die genauen physikalischen Vorgänge. Wahrscheinlich kann man aber den gesamten Schussvorgang physikalisch exakt beschreiben und gleichzeitig das sich andauernd, wiederholende Fachvokabular der eintönigen Spielberichte punktuell aufpeppen – ein Versuch ist es wert... Die zugegeben theoretische Schwerfälligkeit des Berichtes soll dich nicht davon abhalten, dir einen kleinen Teil der verblüffenden physikalischen Vielfältigkeit des Unihockeysports zu Gemüte zu führen.
(Am Schluss des Berichts wird die allgemein übliche Laudatio abgehalten…)
Sportzentrum Herisau, 28.02.09, 18:00 Uhr – die Herren 2 sind bereit für den letzten Match der laufenden Saison. Der Ball wird vom Schiedsrichter auf den Mittelpunkt gesetzt.
„Der gelochte Unihockeyball besteht aus Polyethylen (PE) und hat 26 Löcher. Mit einem Aussendurchmesser von 72mm wiegt er rund 23g. Um die Aerodynamik des Balls zu verbessern, strukturieren die Hersteller die Oberfläche mit sogenannten Dimples (kleine Dellen). Bei einem Schuss wird der Ball je nach Technik und Schaufellage in eine Rotation versetzt, die während des Fluges zur notwendigen Richtungsstabilität beiträgt. Durch die Oberflächenstruktur des Balles in Verbindung mit der Rotation erhält der Ball je nach Rotationsrichtung eine seitliche Ablenkung oder Auftrieb und fliegt damit ca. doppelt so weit, als dies z.B. ein glatter Ball ohne Dimples tun würde. Die Dimpels lassen bei gleichbleibendem Ballgewicht zudem den Ball steifer werden, was die aerodynamisch negativen Deformationen bei der Schussabgabe vermindern lässt. Man sagt, dass Bälle eine Geschwindigkeit von bis zu 220 km/h erreichen können.“
Die „Starting 6“ der beiden Mannschaften haben sich auf dem Feld aufgestellt und die Schiris lancieren die Partie vor gut 50 Zuschauern.
Bereits nach wenigen Sekunden werden die ersten Schüsse auf die beiden Gehäuse abgegeben. Interessant, wie die Flugbahnen untereinander variieren…
„Egal wie der Ball getroffen wird, das physikalische Grundprinzip bleibt immer dasselbe. Sobald der Stock bewegt wird, erhält er Energie, die er dann in einem kurzen elastischen Stossvorgang auf den Ball überträgt. Diese Bewegungsenergie wird innerhalb einer Hundertstelsekunde auf den Ball übertragen, wobei ein Teil der Energie durch Reibung und Wärme verloren geht. Egal ob ein Spieler den Ball bremst oder wegschiesst, auf den Stock wirken genau dieselben Kräfte. Gemäss dem Reaktionsprinzip (Actio = Reactio)gilt nämlich: Wenn zwischen zwei Körpern (Stock und Ball) Kräfte wirken, so ist die Kraft, die der Stock auf den Ball ausübt (Actio), genau so gross wie die Kraft die vom Ball auf den Stock ausgeübt wird, aber sie weiden in entgegengesetzte Richtung. Wem das alles viel zu physikalisch oder unlogisch erscheint, ist herzlich dazu eingeladen, einmal mit voller Wucht gegen eine Wand zu treten (Actio), dann wird ihm die Reactio der Wand in physischer Form (Schmerz) sehr wohl bewusst.
Eine genauere physikalische Betrachtung des Schussvorgangs ergibt, dass der Ball mit ca. der 1.6-fachen Geschwindigkeit des auftreffenden Stockes davonfliegt, d.h. dass der Stock innerhalb einer Zehntelssekunde nach vorne beschleunigt wird. Diese Beschleunigung und somit auch die Energie werden durch das Ausnützen der Federsteifigkeit des Stockes zusätzlich markant vergrössert.
Der Ball, einmal in die Luft geschossen, wird durch die Erdanziehungskraft mit einer Beschleunigung von 9.81 m/s2 auf die Erde zurückfallen, also eine Geschwindigkeitsveränderung pro Sekunde von 9.81 m/s haben. Auf dem Mond übrigens beträgt diese Anziehungskraft aufgrund der geringeren Masse des Mondes nur ca. ein Sechstel. Das bedeutet dass auf dem Mond die Bälle ca. 6mal höher und 6mal weiter fliegen als auf der Erde.
Die Flugbahn und die Reichweite lassen sich dabei sehr einfach berechnen, wenn man vom Luft- und oder Rollwiderstand absieht. Entscheidend für die Reichweite ist ausser der Ballgeschwindigkeit zu Beginn, auch der Schusswinkel. Je flacher geschossen wird, desto grösser ist der horizontale Geschwindigkeitsanteil, welcher dementsprechend grössere Schmerzen auf den strammen Waden verursacht, und je steiler geschossen wird, desto länger ist die Flugzeit des Balles.
Der Luftwiderstand nimmt aber eine bestimmende Funktion betreffend der Flugbahn des Balles ein. Der Ball verursacht eine turbulente Strömung und demzufolge entstehen unterkritische Turbulenzen unmittelbar hinter dem Ball, wobei auch die Bezeichnung Wirbelschleppe (siehe Flugverkehr) geläufig ist. In diesen Luftwirbeln steckt Bewegungsenergie, die dem Ball entzogen wurde, der dadurch abgebremst wird. Diese Turbulenzen führen somit zu einer Reibungskraft. Mittels den bereits genannten oberflächlichen Dimples beim Ball, werden die überkritischen Turbulenzen bereits an der ersten dünnen Grenzschicht abgelöst, womit die bremsende Wirbelschleppe kleiner und die aerodynamischen Eigenschaft des Balls verbessert wird. Der Einfluss des Luftwiderstands ist markant - im luftleeren Raum (Vakuum) würde der Ball ungefähr doppelt so weit fliegen, als unter normalen Umständen.

Auf die Entstehung einer „Bananenflanke“ werde ich an dieser Stelle nicht eingehen – es hat kurz gesagt ebenfalls mit den durch die gezielte Rotation enstehenden asymmetrischen Wirbelschleppen zu tun, welche die Luft in die entgegengesetzte Richtung des Balls lenken.
Der Rollreibungswiderstand wird durch den Reibungskoeffizienten charakterisiert, welcher von der Material-Paarung (Hallenboden/Ball) und des Durchmessers des Balles abhängig ist. Der Rollreibungswiderstand ist auf einem harten Boden (z.B. Parkett) um einiges kleiner als auf einem konventionellen Hallenboden, was das Spiel schneller machen lässt.“
So, genug Theorie aufgewirbelt, obwohl noch zig andere Vorgänge, wie der Zusammenprall zweier Spieler, Ballannahme, Sprungverhalten des Balls, Reaktionszeiten der Goalies etc.etc. beschrieben werden könnten.
Anscheinend hatten die Herren 2 während ihrer Schulzeit jeweils Fensterplätze und die hinteren Bankreihen in den Physiklektionen belegt, während die ersten beiden Bankreihen durch die strammen Appenzeller beherrscht wurden und sie dabei durch ihre physische Präsenz kaum Blick zur Wandtafel frei gaben. So in etwa präsentiert sich auch die überaus schwache Bilanz gegen die ambitionierten Herisauer. Gleich mit einer 10:2 Niederlage verabschiedeten sich die Einheimischen aus der diesjährigen Saison, welche trotzdem als durchaus erfolgreich gewertet werden kann, da der minimal geforderte Ligaerhalt nach einem vorweihnachtlichen Zwischentief doch noch frühzeitig erreicht werden konnte.
An dieser Stelle gebührt den langjährigen Spielertrainern Bruhin/Rentsch/Pfiffner ein herzliches Dankeschön für die geleistete Arbeit. Sie haben die Gratwanderung zwischen erfolgreichem Unihockey und dem geselligen Aspekt wohl optimal bestritten, was sicher nicht immer einfach war. Zukünftig werden andere das Zepter in die Hand nehmen und das Schiff auf Kurs halten, damit noch manche Punkte gesammelt, einige Siege gefeiert und manche gesellige Stunden miteinander verbracht werden können.
Fortsetzung folgt…
UHC Herisau – UHC Sarganserland II 10:2 (4:0, 2:2, 4:0)Sportzentrum Herisau – 50 Zuschauer – SR – Bertold/Vogel
Tore: 6. Huber (Moser) 1:0. 8. Butz (Bischof, Ausschluss Kobler) 2:0. 17. Knecht (Huber) 3:0. 20.(19:39) Furrer 4:0. 25. Gantenbein 4:1. 32.(31:23) Moser (Bischof) 5:1. 32.(31:40) Hess T. (Hess S.) 6:1. 35. Gantenbein (Bischof) 6:2. 53. Hess T. (Furrer) 7:2. 57. Moser (Butz) 8:2. 59. Schoch (Butz, Ausschluss Gantenbein) 9:2. 60.(59:39) Bischof (Lieberherr) 10:2.
Strafen: 5x 2min gegen UHC Herisau, 4x 2min gegen UHC Sarganserland
zurück