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Wednesday, November 05, 2008 | Die Chance des Ersatztorhüters



Gegen Eggiwil kam NLB-Goalie Silvio Camenisch zu seiner Feuertaufe in der 1. Mannschaft. Die UHCS Spielerin Céline Doka verfasste darüber für eine Schularbeit eine packende Reportage.


Die Chance des Ersatztorhüters


Die Erstbesetzung im Tor der Nationalliga B des UHC Sarganserland war am vergangenen Samstag in der Partie gegen den Mitaufsteiger Eggiwil abwesend. DIE Chance für die Nummer 2, Silvio Camenisch, sich vor Heimpublikum zu präsentieren.


von Céline Doka

Beim Betreten der RSA dröhnt laute Musik. Vereinzelte Gespräche der ersten Fans sind im Gange, und einige Kinder sind mit Trommeln auf dem Weg in die Fanclubecke. Verführerischer Duft aus der Festwirtschaft steigt einem in die Nase. Es werden gerade Hotdogs für die hungrigen Fans vorbereitet. Auf der Tribüne ist es ruhig. Die darauf Platz genommenen Fans verfolgen interessiert das Einschiessen der beiden Teams. Der Hallenboden vibriert im Takt der lauten Musik, und die Plakate der Sponsoren flattern leicht. Darunter stehen die schön aufgereihten Stocktaschen mit den Ersatzstöcken des Heimteams. „UNIHOC“ steht in grossen Ziffern darauf geschrieben.
Silvio Camenisch reckt und streckt sich im Tor und versucht, jeden Schuss seiner Teamkollegen zu blocken oder zu halten, um ganz einfach jedes Tor zu verhindern. Schuss um Schuss fliegt aufs rote Häuschen zu. Es wird bei einer gelungenen Aktion gejubelt und applaudiert, bei einer verpatzten geflucht. Das Team baut sich gegenseitig auf. Man spricht einander gut zu oder klopft einander auf den Rücken. Die Trainer schauen vom Rand mit verschränkten Armen zu.

Hoffentlich versaue ich es nicht

Silvio bleibt ruhig. Auch harte Schüsse an die Maske steckt er gelassen weg, verfolgt jeden Ball genau, dennoch zittern seine Hände bei seinen Paraden. „Ich bin jetzt schon total nervös“, sagte der 20-Jährige einige Tage vor dem Spiel, “hoffentlich versaue ich es nicht. Mir schwimmen verschiedene Szenarien im Kopf herum. Dumme Goals zu kassieren. Einen Penalty halten zu müssen. Aber ich freue mich auch total darauf.“ Lächelnd verriet er dazu: „Ich habe natürlich auch meine Rituale und Glücksbringer. Meine Glücksshorts dürfen nie fehlen, und dazu habe ich immer den Ring meiner Freundin in meiner Trinkflasche. Trotz der Nervosität denke ich positiv und bin richtig motiviert, alles zu geben.“ Wie jeder Spieler bereitet er sich konzentriert auf seine Aufgaben vor. Dazu gehören Musik und Bananen, die ihm richtig Power für den Match geben.

Eine Katastrophe im Anmarsch?

Mit dem Startpfiff jubeln, applaudieren, rufen und fanen die Zuschauer auf der Tribüne. Trommeln werden im Rhythmus geschlagen. Die Gegner greifen sofort an. Plötzlich verstummt die ganze Halle. Tor. Jubel der Eggiwiler. Schock in den Gesichtern der Sarganser. Der weisse, löcherige Unihockeyball holpert unglücklich unter dem linken Bein von Silvio durch und das nach genau einer Minute und vier Sekunden. „Scheisse“, flucht ein Fan hinter mir, „hoffentlich wird das keine Katastrophe!“. Die Fans murmeln und tuscheln. „Hoffentlich kann er sich wieder fangen!“. „Hopp Sargans!“
Kurz danach ein dummer Fehler der Sarganser Verteidigung. Ein Gegner eilt alleine auf Silvio zu. Jedes Augenpaar in der Halle ist auf ihn fokussiert. Die Sarganser Fans halten die Luft an. Schuss. Tor. Eggiwiler Jubel. 0:2. „Warum lassen die anderen Silvio so im Stich?“ Wieder diskutieren die Fans heftig. „Dieses Tor geht wieder nicht auf seine Kappe!“ „Hopp Sargans!“. Silvio schüttelt den Kopf. „Heya Sigi! Nicht aufgeben!“. Wir rufen ihm gut zu.
Auf dem Spielfeld geht es weiter. Es wird schnell gespielt. Die Schuhe der Spieler quietschen auf dem grünen Hallenboden. Es wird gepfiffen, gerufen, kommuniziert, gejubelt, geflucht, geschubst, ja sogar richtig gefoult. Spieler fliegen zu Boden, die Banden werden auseinander gerissen, die Zeit wird gestoppt. Strafen werden ausgesprochen, Reklamationen abgewiesen. Stöcke prallen aufeinander, fliegend wird gewechselt, der Gegner wird unter Druck gesetzt. Auch Abschlüsse der Sarganser folgen, dennoch immer am Tor vorbei. Und immer wieder steht auch Silvio im Mittelpunkt. Mit der Zeit wird er immer sicherer. Es wird applaudiert.

Vorne muss man Tore schiessen

Kurz vor Drittelsende explodiert die RSA mit Sarganser Jubel. Endlich! Der lang ersehnte Anschlusstreffer ist Realität. Schön herausgespielt landet der weisse Ball im gegnerischen Tor. Silvio springt auf. Jubel unter den Spielern. Der Torschütze wird umringt. Freude herrscht.
Mit viel Energie und Motivation geht es ins zweite Drittel. Es wird noch schneller gespielt. Die Sarganser erspielen sich immer mehr Chancen, nur der Ball will nicht ins Tor. Silvio pariert sehenswert einige Angriffe. Ein satter Schuss wird auf Kopfhöhe mit der Hand abgewehrt, ein flacher mit dem Fuss gerettet, ein holpernder wird sicher in die Hände genommen. Nur vorne fehlen die Tore der Sarganser. Emotionen kommen ins Spiel. Verzweiflung bricht auf. Es werden wieder Strafen verteilt. Ein Sarganser sitzt auf der Strafbank. Die Eggiwiler spielen Powerplay. Dabei ist die Sarganser Box zu offensiv. Der Schuss ist unhaltbar für Silvio. 1:3. Köpfe werden geschüttelt, Stöcke auf den Boden geschlagen. Der Ball muss unbedingt ins gegnerische Tor.

Kehrtwende?

Gesagt, getan! Wieder explodiert die RSA, als der erneute Anschlusstreffer eine Minute danach erzielt wird. Auf der Tribüne wird gehüpft, gejubelt. Auch auf dem Feld wird geschrien und geklatscht. Silvio eilt zum Torschützen, gratuliert ihm. Die Trommeln wirbeln immer lauter, und die Fahnen werden wild geschwungen! Schweisstropfen glänzen auf den Gesichtern.
Auch im dritten Drittel geht es heiss zu und her. Es wird um jeden Ball gekämpft. Schüsse um Schüsse fliegen auf beide Tore oder sausen an ihnen vorbei. Jeder Zuschauer steht auf seinen Zehenspitzen, fiebert mit, drückt den Daumen. Stöcke prallen wieder aufeinander, es wird gekämpft, gefoult und wieder gejubelt. Dann: Der Ausgleich der Sarganser bringt die Halle zum Beben. Die Sarganser wollen nun endlich um jeden Preis die Führung. Sie machen Druck. Spielen, schiessen. Aber der Ball geht immer knapp daneben. Kurz darauf, ein Chaos vor dem Sarganser Tor. Lauter Spieler auf einem Haufen, aber keiner trifft denn Ball richtig. Trotzdem kommt es zum Schuss. Silvio wehrt ihn im letzten Moment mit dem Fuss ab. Applaus. Aufatmen. Fünf Minuten vor Schluss herrscht wieder Chaos vor Silvio. Der Ball wird getroffen, ich halte die Luft an, er streift Silvios Schulter, flattert ins Tor. Lauter Jubel der Eggiwiler, Stille der Sarganser. 3:4. Silvio schaut wieder auf den Boden. Wir versuchen, ihn aufzumuntern und weiter anzufeuern. Die Schüsse der Sarganser fliegen wieder am gegnerischen Tor vorbei. Haare werden gerauft. Time Out Sargans. Die Spieler versammeln sich um ihre Trainer. Eine letzte Taktik wird besprochen. Die Fans starren auf die Anzeigetafel. Noch drei Minuten zu spielen. Time Out Ende. Silvio wird durch einen sechsten Feldspieler ersetzt. Die Sarganser spielen Powerplay. Sie schiessen, knallen, schlagen. Der Ball ist drin – nein, doch nicht. Die Schlusssirene heult. Die Eggiwiler jubeln. Der Ball bleibt auf dem Feld liegen. Die „Best Player“ werden gewählt. Das Spiel ist zu Ende.

Enttäuscht, aber man darf zufrieden sein

Die meisten Fans sind gegangen. Schlurfend kommt mir Silvio entgegen. Ein kurzes Lächeln, ein tiefer Atemzug, ein Seufzer. „Scheisse!“. Der junge Torhüter ist nach der Niederlage des UHC Sarganserland enttäuscht. „Ich muss zuerst einmal das Geschehene verarbeiten.“ Er stützt sich auf dem Tribünengeländer ab. „Das erste Tor hätte nicht sein müssen. Das war mein Fehler. Das Komische daran, danach war ich überhaupt nicht mehr nervös. Und das letzte Tor? Hmmm…“ Er schüttelt den Kopf. „Natürlich ist die Enttäuschung gross. Aber ich denke, für das erste Mal war es nicht all zu übel.“
Die Fans sind im Allgemeinen zufrieden mit Silvios Leistung: „Die Tore gehen nicht auf seine Kappe.“. „Er hat gut gehalten.“. „Es war knapp, und er hat gut gespielt.“. „Silvio hat das Beste herausgeholt.“. „Weiter so!“. „Trotz Niederlage kann man von einer zufrieden stellenden Premiere sprechen.“
Was sich die Sarganser aber merken sollten:
Wer vorne keine Tore schiesst, bekommt sie hinten.

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Kommentare
Von nicole meier am Wednesday, November 12, 2008 um 2:59 PM Uhr
spannender bericht! habe den match richtig miterlebt...

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